VERSTEHEN, HEILEN UND VORBEUGEN: EIN UMFASSENDER BLICK AUF TRAUMAFOLGESTÖRUNGEN

Studien zeigen, dass etwa 70% der Erwachsenen weltweit mindestens einmal in ihrem Leben ein traumatisches Ereignis erleben, während etwa 20% infolgedessen an einer Form von Traumafolgestörungen leiden. Diese Zahlen verdeutlichen die dringende Notwendigkeit sich intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen und sowohl das Bewusstsein für diese Erkrankungen als auch die Unterstützungsmöglichkeiten zu verbessern.

Die Definition von Trauma

Ein Trauma ist ein überwältigendes Ereignis, das eine Person emotional, psychisch oder körperlich erschüttert und ihre Fähigkeit mit Stress umzugehen überfordert. Traumatische Ereignisse können vielfältig sein und reichen von einzelnen einschneidenden Erlebnissen bis hin zu langanhaltenden und wiederkehrenden Belastungen. Sie können das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in die Welt erschüttern und tiefe seelische Wunden hinterlassen. Zudem überwältigen sie das Nervensystem und führen zu anhaltenden Veränderungen in der Art und Weise, wie eine Person denkt, fühlt und mit Stress umgeht. Trauma kann verschiedene Bereiche des Lebens beeinflussen, einschliesslich der psychischen Gesundheit, des zwischenmenschlichen Verhaltens, der körperlichen Gesundheit und der Lebensqualität insgesamt.

Traumatische Ereignisse können kurzfristige Auswirkungen haben, wie Schock, Verwirrung, Angst und körperliche Symptome, wie erhöhter Herzschlag und Schweissausbrüche. Langfristig können Traumata zu psychischen Erkrankungen wie Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und anderen psychischen Problemen führen.

Was sind Traumafolgestörungen?

Traumafolgestörungen sind psychische Störungen, die als Reaktion auf traumatische Ereignisse auftreten können. Zu den häufigsten Traumafolgestörungen gehören:

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Diese Störung tritt auf, wenn eine Person nach einem traumatischen Ereignis anhaltende Angstzustände, Flashbacks, Albträume und andere Symptome erlebt.

Komplexe PTBS: Diese Form der PTBS tritt häufig auf, wenn das Trauma über einen längeren Zeitraum stattfand, wie zum Beispiel bei chronischer Kindheitstraumatisierung oder langanhaltendem Missbrauch.

Dissoziative Identitätsstörung (DIS): Diese Störung ist durch das Vorhandensein von zwei oder mehr getrennten Persönlichkeiten gekennzeichnet, die sich abwechselnd das Bewusstsein teilen können. Sie entsteht oft als Schutzmechanismus vor schwerem Trauma in der Kindheit.

Symptome von Traumafolgestörungen

Die Symptome von Traumafolgestörungen können je nach Art und Schwere des Traumas sowie individuellen Unterschieden variieren:

  • Flashbacks und intrusive Gedanken: Betroffene können plötzliche und intensive Erinnerungen an das traumatische Ereignis erleben, die sie fühlen lassen, als würden sie das Ereignis erneut durchleben.
  • Albträume: Schlafstörungen, die von wiederkehrenden Albträumen über das Trauma begleitet werden, sind häufig.
  • Vermeidungsverhalten: Betroffene können bewusst oder unbewusst Situationen, Orte, Menschen oder Aktivitäten meiden, die sie an das traumatische Ereignis erinnern.
  • Übererregbarkeit und Hypervigilanz: Menschen mit Traumafolgestörungen können besonders reizbar sein, leicht erschrecken oder übermässig aufgeregt oder angespannt sein. Sie können auch eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber potenziellen Gefahren zeigen.
  • Stimmungsschwankungen: Depression, Angst, Reizbarkeit, Wutausbrüche und emotionale Labilität sind ebenfalls häufige Symptome von Traumafolgestörungen.
  • Dissoziative Symptome: Betroffene können sich von sich selbst oder ihrer Umgebung distanziert fühlen, als ob sie ausserhalb ihres eigenen Körpers oder der Realität wären. Dies kann zu Gedächtnislücken oder einem Gefühl der Entfremdung von den eigenen Gedanken, Gefühlen oder Handlungen führen.
  • Konzentrationsprobleme und Gedächtnisstörungen: Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Informationen zu verarbeiten oder sich an Details des traumatischen Ereignisses zu erinnern, können auftreten.
  • Schlafstörungen: Neben Albträumen können Menschen mit Traumafolgestörungen Schwierigkeiten haben einzuschlafen oder durchzuschlafen.
  • Körperliche Beschwerden: Nicht selten treten körperliche Symptome, wie Kopfschmerzen, Magenprobleme, Muskelschmerzen und Herzrasen auf, die auf die psychische Belastung durch das Trauma zurückzuführen sind.
  • Soziale Rückzugstendenzen: Betroffene können sich von Familie, Freunden und sozialen Aktivitäten zurückziehen, um sich vor potenziellen Auslösern des Traumas zu schützen.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle diese Symptome bei jeder Person auftreten müssen, die ein Trauma erlebt hat, und dass die Ausprägung der Symptome von Person zu Person unterschiedlich sein kann.

Ursachen von Traumafolgestörungen

Die Ursachen von Traumafolgestörungen können vielschichtig sein und sind das Ergebnis von Ereignissen oder Erfahrungen, die eine Person psychisch überwältigen:

  1. Traumatische Ereignisse: Die offensichtlichste Ursache von Traumafolgestörungen sind traumatische Ereignisse selbst. Diese Ereignisse können physische, emotionale oder sexuelle Gewalt, Unfälle, Naturkatastrophen oder andere Formen von traumatischen Erlebnissen umfassen.
  2. Frühe Kindheitstraumatisierung: Traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit, wie Vernachlässigung oder Trennung von den Eltern, können langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben und das Risiko von Traumafolgestörungen im späteren Leben erhöhen.
  3. Chronischer Stress und Misshandlung: Lang anhaltender oder wiederholter Stress und Misshandlung können das Nervensystem überfordern und zu traumatischen Reaktionen führen. Dies kann insbesondere bei Menschen auftreten, die in belastenden oder gefährlichen Umgebungen aufwachsen, wie z.B. in einem gewalttätigen Haushalt oder in Kriegsgebieten.
  4. Genetische Veranlagung: Es gibt Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle bei der Anfälligkeit für Traumafolgestörungen spielen. Menschen, deren Familienmitglieder Traumafolgestörungen haben, können demnach ein erhöhtes Risiko für ähnliche Probleme haben.
  5. Fehlende soziale Unterstützung: Mangelnde Unterstützung durch Familie, Freunde oder die Gemeinschaft nach einem traumatischen Ereignis kann das Risiko von Traumafolgestörungen erhöhen. Eine starke soziale Unterstützung kann hingegen dazu beitragen, die Resilienz zu stärken und die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenden Folgen zu verringern.
  6. Vorherige psychische Probleme: Menschen, die bereits an anderen psychischen Erkrankungen leiden, wie z.B. Depressionen oder Angststörungen, können anfälliger für die Entwicklung von Traumafolgestörungen sein, wenn sie belastende Ereignisse erleben.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jeder, der ein traumatisches Ereignis erlebt, zwangsläufig eine Traumafolgestörung entwickelt. Die individuelle Reaktion auf Trauma ist komplex und wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, einschliesslich der persönlichen Resilienz, der Verfügbarkeit von Unterstützung, der Natur des Traumas und der individuellen psychischen Gesundheitshistorie. Dennoch spielen die oben genannten Ursachen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Traumafolgestörungen und sollten bei der Prävention, Identifizierung und Behandlung berücksichtigt werden.

Behandlungsmöglichkeiten für Traumafolgestörungen

Die Behandlung von Traumafolgestörungen erfordert oft einen ganzheitlichen Ansatz, der medizinische, psychotherapeutische und unterstützende Massnahmen umfasst. Es gibt keine universelle Behandlungsmethode, die für alle Betroffenen geeignet ist, da die Bedürfnisse und Symptome jeder Person individuell sind. Daher ist es wichtig, dass die Behandlungsmöglichkeiten an die spezifischen Umstände und Bedürfnisse des Einzelnen angepasst werden. Es folgen einige der wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten für Traumafolgestörungen.

Psychotherapie ist oft die erste Linie der Behandlung für Traumafolgestörungen. Verschiedene therapeutische Ansätze können verwendet werden, um traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, negative Denkmuster zu verändern und die Bewältigungsfähigkeiten zu verbessern. Zu den häufigsten psychotherapeutischen Ansätzen gehören:

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Diese Therapieform konzentriert sich darauf negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu identifizieren und zu verändern, die durch das Trauma verstärkt wurden. Techniken wie Expositionstherapie und kognitive Umstrukturierung werden häufig eingesetzt, um traumatische Erinnerungen zu bearbeiten und die Symptome zu lindern.
  • EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing): EMDR ist eine Therapiemethode, die darauf abzielt traumatische Erinnerungen zu verarbeiten und die mit dem Trauma verbundenen emotionalen Belastungen zu reduzieren. In der Behandlung folgt der Patient den Augenbewegungen des Therapeuten, während er sich auf das traumatische Ereignis konzentriert.
  • Traumatherapie: Diese Therapieform konzentriert sich speziell auf die Verarbeitung von Trauma und die Wiederherstellung des psychischen Gleichgewichts. Traumatherapeuten verwenden oft verschiedene Techniken, um die Stärkung der Resilienz und die Bewältigungsfähigkeiten zu fördern, wie z.B. Achtsamkeitspraxis, Körperarbeit und kreative Ausdruckstherapien.

Medikamentöse Behandlung kann ebenfalls eine Rolle bei der Behandlung von Traumafolgestörungen spielen, insbesondere bei der Linderung von begleitenden Symptomen wie Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen. Antidepressiva, Angstlöser und Betablocker können an der Stelle zur Verbesserung der Symptome eingesetzt werden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Medikamente allein nicht die Ursache des Traumas behandeln, sondern nur die Symptome lindern können.

Unterstützende Therapien wie Kunsttherapie, Musiktherapie, Achtsamkeitspraktiken und Yoga können ebenfalls hilfreich sein, um Stress abzubauen, das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen und das Wohlbefinden zu verbessern. Diese Therapien können dazu beitragen die Verbindung zwischen Körper und Geist zu stärken und das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit zu fördern.

Unterstützung aus dem sozialen Umfeld spielt darüber hinaus auch eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Traumafolgestörungen. Familie, Freunde und weitere Angehörige können eine wichtige Stütze bieten und dazu beitragen das Gefühl der Isolation zu verringern. Offene Kommunikation, Verständnis und Empathie sind entscheidend für die Genesung.

Insgesamt ist die Behandlung von Traumafolgestörungen ein komplexer Prozess, der Zeit, Geduld und Engagement erfordert. Mit der richtigen Unterstützung und Behandlung können Menschen mit Traumafolgestörungen Wege finden, um mit ihrem Trauma umzugehen, ihre Symptome zu lindern und ein erfülltes Leben zu führen. Es ist wichtig, dass Betroffene wissen, dass Hilfe verfügbar ist und dass sie nicht alleine sind auf ihrem Weg zur Genesung.

Quellenangaben
  • Hoyer, J.  & Knappe S. (2020). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Springer Verlag, Heidelberg.
  • Maercker, A. (2019). Traumafolgestörungen. Springer Verlag, Berlin.
  • Reddemann, L. & Wöller, W. (2019). Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung. Hogrefe Verlag, Göttingen.

Kategorien: Trauma

Verena Klein
Autor:in Verena Klein
Das CLINICUM ALPINUM ist spezialisiert auf die Behandlung von Depressionen und affektiven Erkrankungen. Mit unserem Blog möchten wir über psychische Erkrankungen aufklären, über die Klinik und die Therapien informieren und einen Beitrag zur Entstigmatisierung leisten.

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